Wenn der Aufsatz plötzlich mitdenkt – Wie Schulen in Traunreut mit KI im Klassenzimmer umgehen
Künstliche Intelligenz stellt Schulen vor neue Fragen. Wie Walter-Mohr-Realschule und Johannes-Heidenhain-Gymnasium in Traunreut (Landkreis Traunstein) mit Chatbots, Lernassistenten und neuen Prüfungsformaten umgehen – und warum KI zwar hilft, aber das Denken nicht ersetzen soll.
Früher steckten in einem Referat noch Tipp-Ex-Flecken und zahlreiche schweißtreibende Nachtschichten, heute in vielen Fällen nur Rechenleistung. Wer vor 15 Jahren eine Lyrikanalyse schrieb, oder sich in der elften Klasse durch die Seminararbeit kämpfte, tat das mit Büchern, Karteikarten – und der stillen Hoffnung, dass der Lehrer den ein oder anderen schlampigen Absatz übersieht. Abschreiben war gerade im Deutschunterricht ziemlich mühsam, oft leicht zu ertappen und vor allem: zeitaufwendig.
Heute reicht ein Satz, eingegeben in einen Chatbot (KI-Assistent im Dialogsystem) – und in Sekunden steht ein sauber formulierter Text auf dem Bildschirm. Zwei Traunreuter Schulen, die Walter-Mohr-Realschule und das Johannes-Heidenhain-Gymnasium (JHG), zeigen exemplarisch, wie man mit dieser neuen Realität umgeht – zwischen Chancen, Kontrollfragen und der Suche nach neuen Spielregeln für eine schier grenzenlose Welt an Möglichkeiten.
KI nicht als Abkürzung zum Ergebnis verstehen
An der Walter-Mohr-Realschule gehört Künstliche Intelligenz längst zum Alltag. Ein kleines KI-Team aus Lehrkräften treibt das Thema voran – mit dem klaren Anspruch, KI nicht als Abkürzung zum Ergebnis zu verstehen, sondern als Begleiter im Lernprozess. Genutzt werden datenschutzkonforme Plattformen wie Fobizz, ergänzt durch virtuelle Werkzeuge (KI-Tools) wie Wayground, Canva, Deepl, Photomath oder Kahoot.
Die Einsatzfelder sind breit: In Deutsch, Englisch, Religion und den Naturwissenschaften helfen die KI-Tools dabei, Texte zu analysieren, Schreibprozesse anzustoßen oder komplexe Inhalte verständlich aufzubereiten. In Wirtschaft und Recht werden Gesetzestexte mit KI aufgearbeitet, in Mathematik erklärt die KI Rechenwege Schritt für Schritt. In Physik entsteht etwa eine digitale Tafel zum Thema Gravitation – mit Wortwolken, Videos, Beispielen wie Ebbe und Flut und sogar einem Chatbot in der Rolle „Newton“, der Fragen zu Gravitation oder seinem Leben beantwortet.
Im IT-Unterricht werden KI-Chatbots zum Programmieren mit Python genutzt. Dazu kommen spielerische Formate: Der Kahoot- Assistent erstellt Quizze auf Knopfdruck, Wayground verwandelt Vokabeltraining in ein interaktives Spiel mit direktem Feedback. Wichtig: Die Schule setzt auf geschützte Räume. Über Fobizz können die Schüler mit KI chatten, Texte zusammenfassen oder Bilder generieren – ohne dass persönliche Daten an externe Anbieter weitergegeben werden.
Das Ziel dahinter ist größer als einfache Technikbegeisterung: An der Realschule ist KI-Kompetenz Teil der Persönlichkeitsentwicklung. „Wir vermitteln an unserer Schule nicht nur Fachwissen, sondern fördern einen reflektierten und verantwortungsbewussten Umgang mit neuen Technologien“, sagt Lehrerin Anja Schindler stellvertretend für das KI-Team der Realschule. Verankert ist das im Projekt KOMPASS („Kompetenz aus Stärke und Selbstbewusstsein“) der Stiftung Bildungspakt
Bayern sowie im Methodencurriculum iCan. Hier geht es nicht nur um das Bedienen von Software, sondern um Fragen wie: Wie erkenne ich gute Informationen? Wo liegen die Grenzen von KI? Wie formuliere ich präzise Anweisungen an die KI – sogenannte Prompts?
Neue Möglichkeiten: Lernen, wie man heute lernt
Die Schüler lernen, KI als persönlichen Lerncoach zu nutzen, etwa um gezielt Rechtschreibung zu trainieren oder schwierige Inhalte aufzubereiten. Gleichzeitig wird Medien- und Informationskompetenz geschult: KI-Texte werden kritisch analysiert, Anzeige Deepfakes (realistisch wirkende, manipulierte Medieninhalte) oder falsche Behauptungen thematisiert. „Unser Ziel ist es, dass unsere Schüler die Schule als selbstbewusste und kompetente Gestalter einer digitalen Zukunft verlassen, die Technik nicht nur konsumieren, sondern sinnvoll und ethisch reflektiert einsetzen können.“
Doch es gibt auch Herausforderungen. Wenn KI Texte nahezu perfekt formuliert, müssen klassische Hausaufgaben und Referate überdacht werden. Die Realschule reagiert darauf, indem sie stärker den Entstehungsprozess bewertet: mündliche Reflexionen, Zwischenschritte, Arbeitswege. Langfristig müssen Prüfungsformate „KI-resistent“ werden – oder KI-Kompetenz selbst zum Prüfungsinhalt machen. Hinzu kommen praktische Fragen: Datenschutz, verlässliche Infrastruktur, kontinuierliche Fortbildung der Lehrkräfte. Die Schule profitiert hier von der Unterstützung des Landratsamts und investiert gezielt in Hardware und Lizenzen.
Auch am Johannes-Heidenhain-Gymnasium (JHG) ist die Künstliche Intelligenz nicht wegzudenken. KI wird vor allem in der Unterrichtsvorbereitung genutzt: zur sprachlichen Glättung von Arbeitsblättern, zur Strukturierung umfangreicher Materialien oder zur Entwicklung kreativer Impulse. Im Sprachunterricht entstehen Mindmaps und Übersichten, in den Naturwissenschaften KI-generierte Abbildungen, in der Verwaltung Mails oder Artikel.
Für Schüler gilt eine klare Regel: KI dient ausschließlich zur Überarbeitung, nicht zur Erstellung fertiger Texte. Auch hier steht die kritische Auseinandersetzung mit diesem neuen Medium im Mittelpunkt – sowohl bei der Vorbereitung als auch gemeinsam im Unterricht. Genutzt werden datenschutzkonforme Angebote wie Fobizz oder die Bayerische Lehrer-KI (ByLKI).
Die Ziele am Gymnasium sind zweigeteilt: Für die Schüler soll KI das selbstgesteuerte Lernen unterstützen, digitale Kompetenzen fördern und den reflektierten Umgang mit Technik schulen – vom sauberen Prompting (Erteilen von Anweisungen) bis zur kritischen Prüfung von Ergebnissen. Schüler sollen selbst hinterfragen können, was einem die KI erzählt, und befassen sich auch im Unterricht mit Chancen und Herausforderungen der KI für Gesellschaft und Politik. Für Lehrkräfte bedeutet KI vor allem Entlastung: effizientere Planung, strukturierte Inhalte, differenzierte Aufgabenformate – ohne pädagogische Entscheidungen zu ersetzen.
Zwischen Effizienz und Kontrollverlust
Doch auch hier werden Risiken offen benannt: der mögliche Verlust von Grundkompetenzen, weiterhin auftretende „Halluzinationen“ der KI, also falsche Behauptungen, und eine gewisse Sogwirkung durch die stets freundliche, verfügbare Technik. Eine große Herausforderung bleibt: „Die KI arbeitet immer perfekter, so dass Aufgaben- und Prüfungsformate gefunden werden müssen, die die tatsächliche Eigenleistung der Schüler abbilden.“ Dennoch ist man sich auch am JHG sicher: „Perspektivisch wird KI sich den Weg in die Schulen suchen und finden.“
Beide Schulen sind sich einig: KI wird bleiben. Perspektivisch planen sie personalisiertes Feedback, KI-gestützte Lernbegleiter, Chatbots zur Berufserkundung, individuelle Unterstützung für unterschiedliche Lernniveaus und den Ausbau organisatorischer Abläufe – vom Materialmanagement bis zur fächerübergreifenden Wissensvernetzung. Vielleicht ist der Vergleich mit früher am Ende gar nicht so weit hergeholt: Wo einst der Brockhaus im Regal stand und der Taschenrechner im Matheunterricht helfend zur Seite stand, steht heute die KI.